DER STANDARD 04. 12. 2008
15:38

Stehende Ovationen für den Dalai Lama in Brüssel
Tibetisches Exil-Oberhaupt spricht trotz chinesischem Protest vor dem EU-Parlament - China schlage zunehmend eine "totalitäre Richtung" ein - EU soll auf Menschenrechtsschutz dringen - mit Video
Brüssel - Der Dalai Lama hat die Fortführung einer "engen Beziehung" mit der chinesischen Regierung betont. Gleichzeitig unterstrich das geistliche Oberhaupt der religiösen Tibeter in einer Rede vor dem Europäischen Parlament am Donnerstag in Brüssel, keine staatliche Unabhängigkeit Tibets von China, sondern eine "echte Autonomie zu unserem eigenen Besten" anzustreben.
Eine durch strikt gewaltfreie Mittel erreichte Autonomie sei in materieller Hinsicht im Interesse der Tibeter. Wenn manche chinesische Politiker glaubten, seine Bewegung sei eine separatistische, dann liegen sie "total falsch", betonte der Dalai Lama.


Der Dalai Lama wird von EU-Parlamentspräsident
Hans-Gert Pottering willkommen geheißen.
  
  

In seiner Rede hat der Dalai Lama seinen Verzicht auf ein
von China unabhängiges Tibet in klaren Worten bekräftigt.
"Wir wollen bei China bleiben, aber mit einer echten
Autonomie und unter Wahrung unserer Identität",
sagte er vor den EU-Abgeordneten.

Wahrung der Identität wichtig
In seiner Rede vor dem Europaparlament hat der Dalai Lama seinen Verzicht auf ein von China unabhängiges Tibet in klaren Worten bekräftigt. "Wir wollen bei China bleiben, aber mit einer echten Autonomie und unter Wahrung unserer Identität", sagte er vor den EU-Abgeordneten. Die Tibeter wollten auch materielle Entwicklung, ein modernes Tibet, sagte der Dalai Lama weiter. Schon daher sei es in ihrem eigenen Interesse, bei China, diesem "großen Volk", zu bleiben. "Das sage ich auch den jungen Tibetern."
Harmonie und Frieden könnten aber nur durch Vertrauen geschaffen werden, nicht durch Angst und Bedrohung mit Waffen, fügte das geistliche Oberhaupt der religiösen Tibeter hinzu. "Der Ruf Chinas leidet unter einer schlechten Menschenrechtslage, fehlender Meinungsfreiheit und massiver Zensur", erklärte der 73-Jährige. "China sollte in diesem Bereich sensibler werden, wenn es vom Rest der Welt mehr Respekt erwartet." Im Übrigen zeige der anhaltende Kampf der Tibeter für Autonomie, dass die chinesische Politik der Repression nicht funktioniere: "Die Chinesen glauben, dass sie dieses Problem durch die Unterdrückung lösen können, und das ist falsch", sagte der Dalai Lama.
Berichte, wonach der von der tibetischen Führung propagierte Gewaltverzicht in der eigenen Bevölkerung zunehmend auf Unmut stößt, wies der Dalai Lama zurück. Zwar gebe es Kritik daran, dass er für Tibet lediglich einen Autonomie-Status und keine Unabhängigkeit anstrebe, sagte das geistliche Oberhaupt der Tibeter. "Aber selbst diejenigen, die für eine Unabhängigkeit eintreten, bekennen sich klar zum gewaltfreien Protest." Im März hatten gewalttätige antichinesische Ausschreitungen Tibets Hauptstadt Lhasa erschüttert.

"Das hat keine Zukunft"
China warf dem Dalai Lama vor, mit seiner Forderung nach weitreichender Autonomie die Interessen des tibetischen Volks zu missachten. "Das hat keine Zukunft", hieß es in einem Kommentar der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua. In einem anderen Artikel beschuldigte die Agentur den Dalai Lama, in Tibet einen Gottesstaat errichten zu wollen. China dagegen respektiere die Religionsfreiheit, wie die große Zahl buddhistischer Klöster und Mönche in dem Gebiet beweise. Die Regierung in Peking betrachtet das seit 1959 im Exil lebende Oberhaupt der Tibeter als Separatisten.

Solidaritätsaktion
Das tibetische Exil-Oberhaupt hat sich nach eigenen Worten nach dem Frühstück der 24-stündigen Solidaritätsaktion von EU-Abgeordneten angeschlossen. Aus Solidarität mit dem tibetischen Volk begannen Europaabgeordnete und EU-Beamte am Donnerstag diese Fastenaktion. Dies gab der Vorsitzende der Tibet-Gruppe des Europaparlaments, Thomas Mann (CDU), am Donnerstag zum Auftakt des Besuchs des Dalai Lamas in der EU-Volksvertretung bekannt. Mann übergab dem Dalai Lama eine Liste mit den Namen von 520 Abgeordneten sowie Angestellten von Parlament und EU-Kommission, die die Aktion zumindest symbolisch unterstützen. (red, APA)

Quelle: <http://derstandard.at/?id=1227287774001>