Annemarie Kury
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Wien, im Oktober 2007

Liebe Freunde, liebe Spender, liebe Bosnien-Interessierte!

JEDE, AUCH NOCH SO KLEINE HILFE FÜR MENSCHEN ist wichtig und sinnvoll, damit sie in ihrer Heimat bleiben und leben können.

Drei Sommermonate in meiner 2. Heimat Steiermark (die dritte ist Wien) konnte ich wieder auftanken, besonders auf der Alm bei Murau. Mit neuer Kraft fuhr ich am 18. September mit meinem vollen Auto von Wien Richtung Spielfeld. In GRALLA, der letzten österreichischen Raststation vor Slowenien, Zusammentreffen und Frühstücken mit Adi Siebenhofer aus Murau, der mit seinem - auch vollen - Auto schon hier wartet. Schon seit Jahren versuche ich, Sachspenden nicht mehr anzunehmen, da der Transport zu teuer kommt und es mir auch schon schwer fällt. Aber "NEIN" sagen kann ich auch oft nicht. Die armen Menschen in Bosnien brauchen die Sachen, und wenn sie sie nicht selbst brauchen, können sie das Gebrachte verkaufen und damit Lebensmittel, Strom, Medikamente, Heizmaterial und Miete bezahlen. Andrerseits kostet der Transport mit einem Auto hin und retour für 1.500 km Treibstoff plus Maut in Slowenien und Kroatien mindestens 170,- Euro. Da von unserem Spendentopf schon seit 1991 - damals Schilling - jeder Euro direkt an die Bedürftigen weitergegeben wird, ist eine Fahrt für jeden Ehrenamtlichen teuer, zeitaufwendig, aber sinnvoll!

Diesmal hatten wir KEINE Grenzschwierigkeiten, so waren wir nach 5 Stunden ab österreichischer Grenze in Tuzla. Unser 1. Weg war zum österreichischen Militär im LOT HAUS (Liaison-Observation Team) in Tuzla. Die von Österreich mitgebrachten Tageszeitungen und Schwarzbrot machten den Kontakt mit den seit August d. J. dort Dienst machenden Soldaten schnell und unkompliziert, sodass wir sogar gemeinsame Hausbesuche vereinbaren konnten. Adi konnte tags darauf nach dem Auspacken der Pflege- und Sanitätsbehelfe in unserem schon gewohnten privaten Stammquartier wieder nach Murau zurück fahren. Meine Arbeit begann mit dem Besuch im Therapiezentrum für behinderte Kinder und Jugendliche KORACE NADE ( = Schritte der Hoffnung). Leider konnte ich von den Besprechungen mit einer großen österreichischen Bank, die wir wegen eines Neubaues des Therapiezentrums im Frühjahr führten, noch nichts Neues berichten. Gut Ding braucht Zeit! Doch kleinere Wünsche konnten aus unserem Spendentopf erfüllt werden:

  1. Ein Mikrowellengerät für die Gemeinschaftsküche - gleich eingekauft
  2. Finanzierung von Besuch eines Fortbildungssymposiums für 7 Therapeuten 2008 in Kroatien à 300,- Euro
  3. eine gesponserte Stelle für eine arbeitslose Physiotherapeutin, die im Therapiezentrum für die vielen neuen angemeldeten Kinder dringend gebraucht wird, für ein halbes Jahr bezahlt und ein weiteres halbe Jahr in Aussicht gestellt - das sind 300,- Euro im Monat, davon gehen 40% für diverse Versicherungen weg

Übrig gebliebene Wünsche von Korace Nade:

Das Zentrum ist das Einzige dieser Art im Kanton Tuzla, arbeitet wirklich professionell und mit sehr viel Liebe zu den Kindern und Eltern! Seit ca. 1 Jahr gibt es staatliches Pflegegeld von 150,- Euro im Monat, doch seit vier Monaten wird nur 120,- Euro ausbezahlt, da der Staat das Geld nicht hat. Dies in der Föderation, in der Srpska Republika gibt es nur 20,- Euro monatlich.

36 Hausbesuche konnte ich bei unseren 48 Patenschaften machen. 24 unserer Schützlinge sind körperlich und/oder geistig behindert. Neun sind in Korace Nade zur Therapie. Drei unserer Betreuten sind psychisch krank, etliche traumatisiert, ganz gesund sind nur wenige. Die schwere Spastikerin Lejla wird vom Vater nach K. N. gebracht, er bittet mich um einen Hausbesuch. Das Haus ist ohne Dach, die Mutter stillt gerade ihr vier Wochen altes Kind. Der Winter kommt sicher, Geld für Dachziegel.

Über Umwegen erfahre ich, dass Mirsadas Mutter vor vier Tagen gestorben ist. Die 55jährige Mirsada, schwerst spastisch gelähmt, lebte immer mit ihrer fast blinden Mutter in einer innigen Symbiose, seit fünf Jahren sind sie in ihr eigenes kleines Haus in die Srpska Republika zurückgezogen, nach dem wir aus unserem Spendentopf das Haus wieder bewohnbar machen konnten. Wenn eine alleinstehende Mutter eines behinderten Kindes stirbt, wie dies heuer schon zweimal bei unseren Patenkindern der Fall ist, ist dies nicht nur traurig, es ist auch eine dramatische Situation für die Behinderten und deren Betreuung. Organisierte Heimhilfe, mobile Krankenpflege, Zivildienst als persönlicher Begleiter oder Besuchsdienst gibt es alles in Österreich - nicht in Bosnien. Von Mirsadas Brüder werde ich ersucht, einen Pflegeheimplatz für Mirsada möglich zu machen. Erstens möchte dies Mirsada auf keinen Fall, zweitens bekommt man keinen Platz (lange Warteliste), und drittens wäre dies sehr teuer.

Nach einigen Tagen gibt es eine Kompromisslösung: Mirsada kommt über den Winter in eine ganz kleine Wohnung in der Nähe der Brüder in Tuzla, eine Frau wird sie täglich ein paar Stunden betreuen, den Rest übernimmt nun doch die Familie. Im Sommer wird Mirsada abwechselnd von Familienmitgliedern in ihrem Häuschen mit Garten betreut. Allseits große Freude über die gute Lösung mit unserer Hilfe! Patrol 3 (die Namen sind neuerlich geheim) vom LOT Team Tuzla begleiten mich zu drei Familien und sind erschüttert. Ich gehe mit ihnen zu einem Treffen vom Netzwerk für NGOs (nicht staatliche Organisationen), zur Co-ordinating Chairwoman Frau Mujezinovic, und erfahre, dass im Kanton Tuzla 99 (!!) NGOs registriert sind. Ich bin nicht NGO, sondern eine Eigeninitiative mit vielen Freunden und Anhängern, die ohne Verwaltungs- und Transportspesen etc. arbeiten. So soll es auch bleiben. Am nächsten Tag in den kleinen Ort VLASENICA in der Srpska Republika zum LOT Haus Vlasenica, mit den Soldaten zu Svjetlana, unserer querschnittgelähmten Studentin. Sie hat zwei Semester Psychologie bravourös geschafft, ist aufgeblüht und hat ein neues Leben begonnen, dank dem Rotary Stipendium aus Wien.

Das LOT Team mit Major Deutsch als Kommandant berichtet mir von ihren Sorgenkindern, und so gehe ich mit zwei Soldaten zu einer knapp 70jährigen Frau, die allein in einer kleinen schlechten Holzhütte im Wald wohnt. Sie hat keinen Strom, kein Wasser und die nächste Siedlung ist 3 km entfernt. Das Wegerl ist ein Pfad so schmal wie im Helenental (Wiener Lied), man kann nur hintereinander gehen. Die Frau sieht kaum mehr, dementsprechend ist sie und das Haus vernachlässigt. Nur manchmal kommt ein Schafhirt (Schaschaho) oder sonst jemand bei ihr vorbei. Wieder war nach Meinung der Umgebung und der Offiziellen nur die Möglichkeit eines Pflegeheimes. Siehe Mirsada! Die Frau will auf keinen Fall weg, ein Häuschen auf ihrem Grund neben dem alten für sie zu bauen, wäre ihr sehr recht. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Unser tüchtiges Militär nimmt es in die Hand: macht einen Vertrag mit dem Bürgermeister, damit ein kleines Haus sofort gebaut wird, das ich aus unserem Spendentopf mit 2.500,- Euro bezahle und den Rest die Gemeinde übernimmt. Die Aufsicht macht das Militär bei ihren Patrouillefahrten. Ein Pferd trägt das Baumaterial hinauf, es wird schon gebaut, Anfang November muss es fertig sein. Eine beispielhaft schöne Zusammenarbeit von Gemeinde, österreichischem Militär und unserer Initiative. Eine Familie wird zweimal in der Woche die Einsiedlerin besuchen, betreuen und hat damit ein kleines Einkommen von uns. Die Situation dieser Frau war schon vor Wochen in der Zeitung, schon im letzten Winter hat es die österreichische Patrouille gemeldet, aber geschehen ist nichts!!! Von unseren "alten" Schützlingen möchte ich von SALIHA erzählen, dass ihr Vater nach 12 Jahren in einem Massengrab von Srebrenica gefunden wurde und am 11. Juni Gedenkfriedhof POTOCARE begraben wurde. Ihr Mann, der Bruder ihres Mannes, ihre Schwester wurden schon begraben, ihre Mutter und zwei Brüder werden noch gesucht. "Ich kann nur den ganzen Tag weinen", sagt sie mir. Wieder zurück in Tuzla Hausbesuche, Hausbesuche, Hausbesuche ... - zur Erholung schaue ich zu unserem Militär im LOT Haus, aber sie erzählen mir von einem neuen Notfall - ich wollte doch ein wenig ausruhen - nein - also auf zur Familie Mujic. Miroslav, der uns begleitet, fragt mich: "Annemarie, hast du keine Handbremse?" Der Bericht aus der Heereszeitung liegt bei. Über die Situation dieser Familie Mujic war ein Bericht im bosnischen Fernsehen, und ich frage: "Hat niemand der 99 registrierten NGOs oder vom staatlichen Sozialamt die Sendung gesehen?"

Ende September fuhr ich wieder allein nach Österreich zurück, in Gralla machte ich Teepause und höre von dem neuen Film über den Bombenleger Franz Fuchs - ja vor 10 Jahren war ich auch in Gralla auf der Heimfahrt, was war dies für eine Aufregung!

JEDE NOCH SO KLEINE HILFE FÜR MENSCHEN IST WICHTIG UND SINNVOLL, DAMIT SIE IN IHRER HEIMAT BLEIBEN UND LEBEN KÖNNEN:

In diesem Sinn heute nur ein kurzes aber inniges DANKE an alle, für vieles.

Eure / Deine / Ihre

 

annemariekury@hotmail.com

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